Bundesliga - 14 / 03 / 2023

Bob Hanning: „Meine Liebe zur 2. Liga ist noch größer geworden“

Wenn an diesem Freitag (19.30 Uhr, Krollmann-Arena) Aufsteiger 1. VfL Potsdam in Hagen gastiert, dann steht die wichtigste Persönlichkeit im Team der Gäste nicht auf der Platte, sondern sitzt auf der Trainerbank. Bob Hanning gilt als eine der prägenden Persönlichkeiten Handball-Deutschlands, coacht nicht nur den VfL, sondern ist auch als Geschäftsführer des erfolgreichen Erstligisten Füchse Berlin tätig. In seiner Zeit als Vize-Präsident des DHB hat Hanning etliche Projekte angeschoben. Im Interview mit Axel Meyrich, Pressesprecher des VfL Eintracht Hagen, gewährt der 55-Jährige spannende Einblicke in das „Projekt 1. VfL Potsdam“, seine Liebe zur 2. Liga und und seine Philosophie vom Handballsport.

Bob Hanning, Sie haben in einem Interview kurz vor Saisonbeginn sinngemäß gesagt, Sie seien verliebt in die 2. Bundesliga. Wie ist es um diese Liebe nach 24 Spieltagen bestellt – ist sie noch so frisch wie am ersten Tag oder ein Stück weit der Routine gewichen?
Wenn ich ehrlich bin, ist meine Liebe nach 24 Spieltagen noch größer geworden als sie je war. Die 2. Bundesliga ist ganz ehrlicher Sport, natürlich fehlerbehafteter als es die 1. Bundesliga ist, aber einfach ein Stück weit authentischer. Stellen Sie sich vor, der THW Kiel spielt gegen GWD Minden. In 99 Prozent der Fälle ist das Ergebnis klar. In der 2. Bundesliga hingegen kann immer alles passieren. Ergebnisse können von -7 auf +3 und von +6 auf -5 gehen - das Ganze mit unheimlich viel Leidenschaft. Wenn ich mich manchmal zwischen einem Erst- und Zweitliga-Spiel entscheiden müsste, das ich als Zuschauer anschaue, dann würde ich ganz oft das Zweitliga-Spiel wählen. Man kann sagen: Kaviar zu essen, ist schön, aber Currywurst Pommes rot-weiß schmeckt manchmal eben doch besser...

In Ihrem Team, dem 1. VfL Potsdam, erkennen viele Hagener Fans gewisse Parallelen zum ersten Zweitliga-Jahr der Eintracht in der Vorsaison. Ihre Mannschaft spielt völlig unbekümmert auf, ist sehr erfolgreich. Sehen Sie Ihr Team als „typischen“ Aufsteiger oder steckt mehr dahinter?
In der Tat ist ein zweites Zweitliga-Jahr häufig schwieriger als das erste, in dem man viele Themenfelder noch euphorisiert betrachten kann. Man spielt ein Stück weit unbekümmerter auf. Ich glaube, dass auch wir in unserem zweiten Jahr etablierter sein werden. Wenn wir dann nach Balingen oder nach Bietigheim fahren und nicht komplett antreten können, werden wir wahrscheinlich trotzdem ernster genommen. In unserem Fall ist es aber natürlich etwas Anderes, weil wir eine ganz, ganz junge Mannschaft haben, die sich erstmal an die 2. Bundesliga gewöhnen muss, die aber mit sehr viel Enthusiasmus und sehr viel Liebe spielt. Das ist auch der Grund, warum ich nicht nur in die 2. Liga verliebt bin, sondern auch in meine eigene Truppe.

Der VfL Potsdam kooperiert eng mit den Füchsen Berlin. Können Sie uns skizzieren, wie diese Zusammenarbeit angelegt ist – gerade auch mit Blick auf die Entwicklung junger, hochtalentierter Spieler?
Ich habe mir meinen Traum erfüllt und ein Konzept entwickelt, das die 1., 2. und 3. Liga beinhaltet - sowie mit Potsdam und den Füchsen zweimal die A-Jugend-Bundesliga. Das Ganze mache ich nicht um des selbst willen, sondern weil ich jungen Menschen die Möglichkeit geben will, sich optimal und ohne Stress ausbilden zu lassen. So haben wir neben einer ganzheitlichen Erziehung auch die Situation, dass wir den Sportlern die Möglichkeit geben können, sich Schritt für Schritt an die Bundesliga heranführen zu lassen und dann entweder bei den Füchsen oder Potsdam in der 1. bzw. 2. Liga zu spielen oder aber auch in die Ferne zu wechseln.

Sie gelten als Trainer, dem eine Siegermentalität extrem wichtig ist. Was bedeutet das für die mittelfristige Planung des VfL? Könnte in einigen Jahren auch der Aufstieg in die HBL zum Thema werden?
Meine Zielsetzung ist nicht der Aufstieg, weil der 1. VfL Potsdam zum jetzigen Zeitpunkt nicht im Ansatz die wirtschaftlichen Möglichkeiten dazu hat. Meine Zielsetzung ist, junge Menschen zu entwickeln und ihnen die Möglichkeit zu geben - wenn sie gut genug sind - den Schritt nach oben auch machen zu können. Dennoch würde ich nie verhindern, wenn die Möglichkeit besteht, einen Aufstiegsplatz auch anzunehmen. Wichtiger ist es mir aber, mich um die Entwicklung der Spieler zu kümmern. So ist auch das gesamte Training angelegt. Mit Hagen werden wir uns erst einen Tag vor dem Spiel beschäftigen. Die restliche Zeit nutze ich, um meine Spieler besser zu machen. Ein Beispiel: Wir spielen nie 7-gegen-6 und das aus zwei Gründen: Zum einen finde ich es unattraktiv für unsere Sportart, zum zweiten möchte ich meinen jungen Spielern keine Hilfestellung geben, über einen Spieler mehr Entscheidungen herbeizuführen. Sie müssen gut genug sein, in einem normalen Spiel 6-gegen-6 oder auch mal 5-gegen-6 Lösungen zu finden. Wir arbeiten also nicht nur ergebnis-, sondern auch entwicklungsorientiert. Zur Frage der Siegermentalität: Das ist das, was Sportler brauchen, um oben anzukommen. Diese Mentalität müssen sie verinnerlichen - und dafür tue ich in der Tat alles.

Sie treffen jetzt zum zweiten Mal in der laufenden Saison auf den VfL Eintracht Hagen. Ohne zu viel zu verraten: Worauf haben Sie Ihr Team vorbereitet und wie schätzen Sie die Eintracht ein?
Ganz ehrlich: Wir haben uns auf Eintracht Hagen so gut wie gar nicht vorbereitet. Das ist aber überhaupt nicht respektlos dem jeweiligen Gegner gegenüber, sondern Teil der von mir bereits beschriebenen Strategie. Hagen hat eine Mannschaft, die in dieser Qualität, wie sie zusammengestellt ist, natürlich ins obere Drittel der Liga gehört. Manchmal ist es aber so, dass es, wenn man nicht damit rechnet, schwierig sein kann, unten zeitnah rauszukommen. Hagen hat den Anfang verpasst und sich dadurch in eine Situation gebracht, die eine ganz andere Aufgabenstellung beinhaltet, als man sich das vermutlich im Vorfeld gedacht hat.

Eine persönliche Frage zum Abschluss: Sie sind Trainer des VfL Potsdam und Geschäftsführer bei den Füchsen Berlin. Wie viele Stunden am Tag beschäftigt sich Bob Hanning mit Handball? Und: Bleibt da überhaupt noch Zeit für andere Dinge?
Ganz klar: Ich habe mein Leben unserem Sport verschrieben. Es macht mir einfach unglaublich viel Spaß, in den Handball zu investieren. Die acht Jahre in der HBL und die acht Jahre beim DHB mit den vielfältigen Aufgaben haben sehr, sehr viel Spaß gemacht. Ich glaube, wir können sehr stolz darauf sein, dass wir im nächsten Jahr die Junioren-Weltmeisterschaft und dann in den folgenden Jahren die Europameisterschaft der Männer, die Frauen-WM und die Männer-WM haben werden. Ich habe all dies versucht, mit voran zu bringen. Ich wollte, dass einer von uns den Sport mit bewegen kann. Jeder, der weiß, was mir am Wichtigsten ist, weiß, dass das die Jugendarbeit und die Arbeit mit jungen Menschen ist. Das ist für mich keine Arbeit, sondern eine Berufung und eine große Freude. Um mich herum habe ich dafür ein ganz tolles Team, das mir das alles ermöglicht. Ich habe dennoch genügend Zeit gehabt, ein Buch zu schreiben, ein Haus zu bauen und zwei Rennpferde zu besitzen. Eins heißt im übrigen 'Drux The King' - nach Paul benannt - und eins 'Nils The King' nach Nils Lichtlein. Alles in allem lebe ich jeden Tag meinen Traum.

Vielen Dank an den VfL Eintracht Hagen, dass wir das Interview für unsere Webseite verwenden durften.

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